Archive for the '— Poesie' Category

New York Tar

Freitag, Dezember 16th, 2011


Bild: www.fantom-xp.org

New York Tar, geschrieben und gelesen von Nora-Eugenie Gomringer, bereitgestellt von Vorleser.net.

Schon fast eingetreten. Der Fuß. Der Asphalt. Der Kot. Die verwaschene Spur aus dem Riesenpalmentopf. An der Ecke. Zwischen der 15ten und 5ten. Einen Block vom Büro. Von oben tropft Wasser. Da hat einer ein kühles Zimmer. Mit Wänden. Die den Lärm transparent. Transportieren. So geht das nämlich. So schleicht die Stadt in deine Wohnung. Unter dem Schuh. An der Hand. Die im Bus gewandert ist. Auf dem Hosenboden der Jeans. Die in der Subway gesessen hat. Da wo der Mann Platz gemacht hat. Für dich. Vielleicht weil er sich davon was versprochen hat. Wer weiß. Hier will jeder etwas. Von einem. Von allem. An jedem Tag. An dem Tag auch. Als die Türme fielen. Selbst da wollten alle etwas. Der Staub und Rauch. Zog über die Stadt. Erst Brooklyn. Da war es fast noch egal. Am nächsten Tag Manhattan. Da hatte man die Nasen voll. Von Gas wurde gemurmelt. Ab Housten. Keinen Verkehr. Keine Zigaretten. Nur noch Helden. Die Heldenzone. Man hängt sein Fähnlein in den Wind. Sieht wie es sich lustig dreht. Und mit dem Drehen kommt der Krieg. Und auch den sieht man sich an. Wie er sich lustig dreht. Von hier aus. Sieht der Rest der Welt aus. Wie Spielzeug. Man kennt den Originalmaßstab nicht. Da fallen meine Vorwürfe auf Miniaturböden. Mikroskopisch klein werden meine Kommentare. Ultraleise wird die Welt hier. Leise. Leise rieselt der Teer. Der partikelweise schmilzt. In der Sonne. Die noch einmal vor dem Schnee scheint. So hat jeder Stadtteil einen Teil der Stadt. Von der Südspitze zur Nordspitze. Verteilt sich die Stadt an sich selbst. In den Strassen. Ist es ruhig. Man lauscht. In den Lärm hinein. Denn zwischen den Blöcken schlagen die Wellen bald hoch. Den Himmel beobachtet man. Mit einem geschlossenen Auge.

Musik: Kevin MacLeod: "One Sly Move" (CC-License) /
Psycherotique: "Süchtig" (CC-License von Jamendo)

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Hausbesitzer in der Loge

Mittwoch, Dezember 14th, 2011

Hausbesitzer in der Loge (1930) von Kurt Tucholsky (1890 – 1935) gelesen von Thomas Dehler, bereitgestellt von Vorleser.net.

Gleich wird das Theater beginnen – in der Loge vorn rechts sitzt ein hagerer Mann im Smoking. Er ist offenbar allein, er entfaltet sein Programm, er liest darin, sieht auf seine Armbanduhr. Dieser Mann ist mein Hausbesitzer.

Dieser Mann in der Loge rechts hat, besitzt, nennt zu eigen einen Teil der Allmutter Erde. Ein winziges Partikel der Oberfläche dieser mysteriösen Kugel gehört ihm, ist seins, stellt sein Eigentum dar. Nur der liebe Gott kann, in Form eines Blitzes oder eines Erdbebens, einer Wasserhose oder eines Orkans, ihm gegen seinen Willen das Erdreich um und um wühlen. Gegen Menschen ist er gefeit. Er ist auch gegen Menschen gefeit, die kein Obdach haben, die hungern, frieren, deren Kinder sich aus der Mutter Schoß zwölf Monate langsam ins Grab husten, auch gegen Menschen, die, dreizehn in einem Zimmer, zusammengepfercht wohnen, alle polizeilich gemeldet, alle durchaus legal. Diese dürfen ihm nichts wegnehmen – das Grundstück ist seins.

Der Mann in der Loge hat auf diesem Grundstück ein Haus. Das Haus gehört ihm. Er hat es gekauft. Andre müssen wohnen, andre brauchen Steinwände um sich herum und ein Dach über dem Kopf, um ihren Geschäften nachzugehen, ihre Kinder aufzuziehen, abends Bücher zu lesen. Ich selbst, zum Beispiel, brauche dieses alles auch. Und weil wir es brauchen, deshalb sitzt mein Mann in der Loge.

Weil wir das brauchen, braucht er weniger zu arbeiten. Er kauft sich einen guten Anzug aus kräftigem wollenem Stoff. Seine Frau trägt kleine feine Stiefeletten. Seine Kinder haben einen schönen Schulranzen, mit einem vernickelten Schloß. Wir wohnen, und er hat Butter auf seinem Brot.

Stimmt im Programm etwas nicht? Der Hausbesitzer runzelt die Stirn. Ah – vielleicht hat er Sorgen! Vielleicht denkt er bei sich: »Wie mache ich nun diese langatmige Steuererklärung fertig, die mir der Staat da aufgebrummt hat! Sie muß geschrieben werden, in einem warmen, trockenen Zimmer geschrieben werden – das ist viel Arbeit. Wie kalkuliere ich die neue Fahrstuhlreparatur ein – ich muß sie noch einmal mit dem Architekten durchrechnen. Das ist viel Arbeit. Ich bin nicht auf Rosen gebettet. Ich schlafe auf Dornen, mein Trank ist Wermut, und meine Nahrung die Früchte des Feldes. Da unten sitzen die Leute, Mieter und Mieterinnen – sie glauben, es sei so einfach, ein Hausbesitzer zu sein. Wenn man die Rentabilität bedenkt … « Und während das Stück beginnt, fängt er an zu rechnen.

Kann man Erde verkaufen? Man tut es. Die einen wohnen, und die andern haben davon zu essen. Und weil sich jeder Hausbesitzer eine Zeitung hält – hält, als Abonnent nämlich, hält, am eisernen Faden, die der Zeitung um die Kehle läuft – so ist darüber nicht viel zu lesen.

Bodenreform? Adolf Damaschke? In der Loge sitzt der Hausbesitzer, genährt durch tausend Saugrohre von den Mietern im ganzen Theater. Warum gehen nun die nicht hin und drosseln ihm die Rohre ab? Weil sie alle, alle gern Hausbesitzer werden möchten.

Musik: Kevin MacLeod: "One Sly Move" (CC-License) /
Psycherotique: "Süchtig" (CC-License von Jamendo)

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Augen in der Großstadt

Montag, Dezember 12th, 2011

Bild: http://home.arcor.de/gloriana/

Augen in der Großstadt (1930) von Kurt Tucholsky (1890 – 1935) gelesen von Bernhard Scheller, bereitgestellt von Vorleser.net.

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? vielleicht dein Lebensglück…
vorbei, verweht, nie wieder.
Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang, die
dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hast’s gefunden,
nur für Sekunden…
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück…
Vorbei, verweht, nie wieder.
Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Er sieht hinüber
und zieht vorüber …
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das?
Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.
(Kurt Tucholsky)

Musik: Kevin MacLeod: "One Sly Move" (CC-License) /
Psycherotique: "Süchtig" (CC-License von Jamendo) /
Vladimir Sterzer: "Winter Dreams" (CC-License von Jamendo)

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Gute Vorsätze für das nächste Jahr?

Samstag, Januar 3rd, 2009

Frag den Sonntagssoziologen:  “Was ist mit all den guten Vorsätzen für das neue Jahr?” Fragepraktikantin: Tabitha Hammer. Daten einer Umfrage zu Neujahrsvorsätzen findet Ihr bei DAK-Umfrage. Daraus ergibt sich, daß jeder zweite Deutsche meint, im letzten Jahr seine Vorsätze umgesetzt zu haben. Also mal ehrlich, das muß doch Verblendung sein. Sollte sich Goethe so geirrt haben? Oder liegt es daran, daß die DAK eine Krankenkasse ist und ihren Beitragszahlern ja schlecht verkünden kann, sie dürfen ihre guten Vorsätze in Sachen Gesundheit in die Tonne kloppen?

.Die Top Ten der Deutschen gute Vorsätze für 2009: 1. Stress vermeiden oder abbauen (61 %) 2. Mehr Zeit für Familie/Freunde (59 %) 3. Mehr bewegen/Sport (54 %) 4. Mehr Zeit für sich selbst (53 %) <= Nein, lieber meinen Podcast hören! 5. Gesünder ernähren (48 %) 6. Sparsamer sein (37 %) 7. Abnehmen (35 %) 8. Weniger fernsehen (21 %) <= Ja, bringt mir mehr Hörer! 9. Weniger Alkohol trinken (14 %) 10. Rauchen aufgeben (14 %)

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