
Heute stelle ich Elisabet Botts klassische Studie zur Rollenverteilung in der Ehe vor. Sie untersuchte in den 60er Jahren mittels sozialer Netzwerkanalyse die Bedingungen für ausgeprägtes und nicht ausgeprägtes traditionelles Rollenverhalten von Eheleuten. Ob das für euch heute noch eine Rolle spielt?
Transkritp:
Das bisschen Haushalt macht sich von allein. Sonst hätte ich ja auch keine Zeit zum Podcasten. Und damit Willkommen beim Stadtsoziologen! Das beste Rezept für eine lange Ehe sind nach wie vor getrennte Wohnungen. Ansonsten kommt es nämlich oft zur Rollenverteilung. Früher vielleicht mehr als heute. In den 60ern gab es eine berühmte Studie über Stadtfamilien von Elisabet Bott. Die wollte herausfinden, wie es zu Rollenaufteilungen im Haushalt kommt und sie war verwundert, dass sie da erstmal keinen Zusammenhang zwischen Klassen, Bildungsniveau, schichten usw. fand. Daraufhin schaute sie sich die Netzwerke der Paare an und tatsächlich, sie fand einen Zusammenhang zwischen Rollenverhalten und der Einbindung der Eheleute in soziale Netzwerke. Je enger und dichter das Netzwerk, desto klassischer waren auch die Rollen in der Ehe verteilt. Der Grund: In geschlossenen Netzwerken gibt es nix Privates. Jeder kennt jeden und jeder hat dieselben Werte und wer dagegen verstößt, wird sozial geächtet. In engen Netzwerken können die klassischen Rollentraditionen also viel besser durchgesetzt werden. Ihr erinnert euch an die Folge über Simmels Kreise? Da hatten wir das gleiche, die loseren Netzwerke erst ermöglichen Individualität. Und das gibt’s nur in der Stadt, nicht auf dem Land.Die ganz engen Netzwerke gibt es vor allem dann, wenn die Eheleute am Ort wohnen bleiben. Klar, je öfter man umzieht, desto loser wird auch das Netzwerk. Bekommt die Frau dann Kinder, beginnt sich ihr soziales Netz zu verändern. Hatte sie bislang mehr Kontakt zu ihren Freundinnen, hält dann mehr Kontakte zu ihrer Mutter und weiblichen Verwandten. Der Mann wird immer mehr aus dem sozialen Netz isoliert und hängt nun vor allem mit Arbeitskollegen und Fußballfreunden herum. Sein Leben dreht sich dann um Arbeit und Freizeit und das Leben der Frau um Haushalt, Kinder und Verwandte. War das Paar vor dem Kinderkriegen weggezogen, ist das nicht ganz so stark. Denn das weibliche Familiennetz der frau ist ja nicht da und das Netz der alten Schulfreunde des Mannes ebenfalls nicht. Das führt dazu, dass sich auch das Rollenverhalten nicht so stark ausprägt.
Rollenverteilung ist auch eine ökonomische Sache. Es ist am Effektivsten, wenn jeder das tut, was er kann. Und wenn die Frau nähen und der Mann heimwerken beigebracht bekamen, ist es das ökonomischste, die Arbeiten so beizubehalten. Für die Emanzipation ist es also sinnvoll, diese Hauswirtschaftslehren aus der Frauenbildung herauszunehmen. Führt aber dazu, dass kulturelles Wissen verloren geht. Ja, Oma wusste noch, wie man einkocht.
Seit Botts Studie hat sich der Familienbegriff schon geändert. Familie ist heute nicht mehr die Kernfamilie Mutter Vater Kind, sondern wird definiert als Gemeinschaft mit starken Bindungen, die generationsübergreifend sind. Aktuelle Untersuchungen finden diesen Zusammenhang zwischen Netzwerk und Rollenverteilungen nicht mehr. Der Grund: Die modernen Netzwerke erfüllen heute andere Zwecke als früher. Früher war das Netzwerk dazu da, um Normen und Werte zu vermitteln. Und dazu gehörten auch die Eherollen. Heute ist es dagegen so, dass sich Eheleute ihre Netzwerke selber erschaffen. Nicht mehr das Netzwerk kreiert die Ehe, sondern die Ehe kreiert sich ihr individuell passendes Netzwerk. Und wenn heutzutage ein rollenbewusster Mann zu seiner Frau sagt, “Schatz, ich mache dich zur glücklichsten Frau der ganzen Welt!”, dann passiert es sehr leicht, dass sie antwortet: “Ich werde dich vermissen.”
(Quellen: Bott, E. (1956). Urban families: The norms of conjugal roles. Human Relations)
Musik: Kevin MacLeod: "One Sly Move";
"Mister Exposition" (CC-License) /
Psycherotique: "Süchtig" (CC-License von Jamendo)
